Michael Witzenleiter und Jean-Luc Winkler analysieren in Folge 92 von „Das Gelbe vom AI“ die jüngsten Verschiebungen im KI-Markt zwischen Milliardeninvestitionen, neuen Agenten-Konzepten und wachsendem Infrastruktur- und Sicherheitsdruck. Die Folge verbindet wirtschaftliche Einordnung mit technischer Tiefenschärfe und ordnet aktuelle Hypes konsequent nach strategischer Relevanz ein. Ausgangspunkt ist die „Zahl der Woche“, die verdeutlicht, wie physisch und kapitalintensiv KI-Skalierung inzwischen geworden ist.
Die Zahl der Woche lautet 1 Milliarde US-Dollar. Diesen Betrag investiert Siemens Energy aktuell in den USA, um die Produktion von Gas-Gasturbinen und Netzinfrastruktur massiv auszubauen. Hintergrund ist der rapide steigende Energiebedarf durch Rechenzentren, insbesondere für KI-Workloads. Rund 20 Gigawatt Erzeugungskapazität sind bereits für Rechenzentren reserviert oder beauftragt, verteilt über mehrere Bundesstaaten. Geplant sind neue Fabriken, Erweiterungen bestehender Standorte und die Modernisierung von Infrastruktur, verbunden mit etwa 1.500 neuen Facharbeitsplätzen. Der Investitionshorizont reicht bis mindestens 2028 und signalisiert, dass KI-Wachstum nicht als kurzfristiger Zyklus, sondern als strukturelle Entwicklung verstanden wird. Damit rückt Energieversorgung als limitierender Faktor in den Fokus von Unternehmen und Investoren. KI wird zunehmend als Infrastrukturthema sichtbar, nicht mehr nur als Software- oder Modellfrage.
Agenten, Autonomie und neue Angriffsflächen
Ein zentrales Oberthema der Folge ist der rasante Aufstieg autonom agierender KI-Agenten. Mit OpenClaw entsteht ein Open-Source-Agent, der dauerhaft aktiv bleibt, über Tage hinweg Kontext halten kann und Systemaktionen wie API-Zugriffe, Shell-Befehle oder Dateiverwaltung ausführt. Die Integration in Messenger wie WhatsApp, Telegram oder Slack senkt die Nutzungshürde erheblich und erklärt den schnellen Popularitätsschub mit hunderttausenden GitHub-Stars. Parallel dazu sorgt Moltbook, ein soziales Netzwerk ausschließlich für KI-Agenten, für Aufmerksamkeit. Innerhalb kurzer Zeit interagierten dort über eine Million Agenten in einer Reddit-ähnlichen Struktur mit Submolts, Kommentaren und Upvotes. Die Autonomie dieser Systeme bleibt jedoch technisch begrenzt, da keine eigenständige Modellanpassung stattfindet, sondern regelbasierte Kontextverarbeitung dominiert. Gleichzeitig entstehen neue Sicherheitsrisiken durch Skill- und Prompt-Injection. Über ClawHub kursieren Skills mit Malware-Funktionalität, die API-Keys, SSH-Zugänge oder Passwörter auslesen können. Ungesicherte Datenbanken und geleakte Zugangsdaten bei Moltbook verdeutlichen, wie schnell experimentelle Systeme produktionsrelevante Risiken erzeugen. Unternehmen stehen damit vor der Frage, wie viel Autonomie sinnvoll ist und welche Governance-Strukturen notwendig werden.
Chip-Wettlauf und Infrastruktur als Machtfaktor
Der zweite große Themenblock widmet sich dem eskalierenden Wettbewerb um Rechenleistung und Hardware-Kontrolle. OpenAI prüft Alternativen zu Nvidia-GPUs und führt Gespräche mit spezialisierten Anbietern wie Cerebras und Groq, um Latenzprobleme und Abhängigkeiten zu reduzieren. Parallel entwickelt OpenAI gemeinsam mit Broadcom eigene KI-Beschleuniger, deren Einsatz ab der zweiten Jahreshälfte 2026 geplant ist. Diese vertikale Integration wird flankiert von einer möglichen Finanzierungsrunde über rund 100 Milliarden US-Dollar bei einer Bewertung von etwa 750 Milliarden US-Dollar, mit Nvidia, Microsoft und Amazon gleichzeitig als Investoren und Lieferanten. Auch andere Tech-Konzerne positionieren sich neu. Anthropic setzt auf eine klare Enterprise-Strategie mit werbefreiem Claude, Domain-spezifischen Plugins für Business-Anwendungen und einer geplanten Finanzierungsrunde über etwa 10 Milliarden US-Dollar bei einer Bewertung von rund 350 Milliarden US-Dollar. Google erweitert Gemini um agentische Funktionen wie „Auto Browse“ in Chrome und führt mit „AI Plus“ ein Mittelklasse-Abo für 8 US-Dollar monatlich ein. Apple reagiert mit Führungsumbau, Kooperationen mit externen Modellen wie Gemini für Siri und agentischem Coding in Xcode 26.3. Meta schließlich plant für 2026 KI-Investitionen zwischen 115 und 135 Milliarden US-Dollar, was Margen belastet, aber langfristige Plattformdominanz sichern soll. Übergreifend wird deutlich, dass Kontrolle über Chips, Energie und Infrastruktur zum entscheidenden Wettbewerbsfaktor wird.
Quick News
Quick News 1: Indien sichert Big Tech Steuerfreiheit bis 2047
Indien bietet ausländischen Cloud- und KI-Anbietern Steuerfreiheit bis 2047, sofern globale Services von indischen Rechenzentren aus betrieben werden. Für inländische Kunden ist die Nutzung lokaler Wiederverkäufer vorgeschrieben. Für Unternehmen wie Microsoft, Amazon und Google entsteht ein starkes Kostenargument. Gleichzeitig bleiben Herausforderungen bei Stromversorgung, Wasserknappheit und Genehmigungsverfahren bestehen.
Quick News 2: Mehr Brustkrebs entdeckt mit KI-Screening
Eine schwedische Studie zeigt, dass KI-gestütztes Mammografie-Screening 81 % der Krebserkrankungen direkt erkennt, gegenüber 74 % bei klassischen Verfahren. Aggressive Tumore gingen um 27 % zurück, die Arbeitslast für Radiologinnen und Radiologen sank um 44 %. Die Rate falsch-positiver Befunde blieb stabil. KI zeigt hier messbaren medizinischen Mehrwert bei gleichbleibender diagnostischer Qualität.
Quick News 3: Strengere Regeln für KI-generierte Konferenzbeiträge
Große KI-Konferenzen wie ICLR planen strengere Offenlegungspflichten für KI-generierte Inhalte. Nicht deklarierte Nutzung kann zur Ablehnung von Einreichungen oder Sanktionen führen. Hintergrund sind Studien, nach denen bis zu 22 % der Paper-Texte und 21 % der Reviews vollständig KI-generiert waren. Transparenz wird damit zum neuen Standard wissenschaftlicher Arbeit.
Quick News 4: Startup Linq bringt Agenten in iMessage
Das US-Startup Linq sammelte 20 Millionen US-Dollar ein, um KI-Agenten direkt in Messaging-Apps wie iMessage zu integrieren. Rund 134.000 monatlich aktive Nutzer und etwa 30 Millionen Nachrichten pro Monat zeigen frühe Traktion. Gleichzeitig entsteht eine starke Abhängigkeit von Apple als Plattformbetreiber. Internationale Expansion könnte dadurch erschwert werden.
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