Die Zahl der Woche setzt den Ton: 100 %. Microsoft deckt 2025 erstmals den eigenen Stromverbrauch vollständig mit erneuerbaren Energien – abgesichert über langfristige Verträge für insgesamt 40 Gigawatt neue Kapazität, davon 19 GW bereits in Betrieb, verteilt über 26 Länder. Michael Witzenleiter und Jean-Luc Winkler ordnen in Folge 94 von „Das Gelbe vom AI“ ein, warum Nachhaltigkeit damit vom „Nice-to-have“ zur Infrastruktur-Frage für KI wird – und wie sich parallel geopolitische und kommerzielle Machtlinien neu ziehen. Die Episode wirkt wie ein Wochenrückblick auf zwei Ebenen: Strom, Rechenzentren und Geschäftsmodelle auf der einen Seite – globale Positionierung, Plattform-Strategien und Agenten-Wettrennen auf der anderen.
Microsofts 100%-Erneuerbare: Nachhaltigkeit wird zum KI-Wettbewerbsvorteil
Microsofts 100%-Deckung des Strombedarfs mit Erneuerbaren markiert einen Wendepunkt: KI- und Cloud-Betrieb werden so energieintensiv, dass Energieverträge zur Produktstrategie werden. Die 40 GW kontrahierter Kapazität sind weniger PR als ein langfristiges Hedge gegen volatile Preise, Netzengpässe und steigenden regulatorischen Druck. Entscheidend ist zudem die internationale Breite: 26 Länder bedeuten, dass sich die Beschaffung nicht nur auf einzelne Märkte stützt, sondern systematisch skaliert. In dieser Logik wird „grün“ nicht als moralischer Bonus behandelt, sondern als Voraussetzung, um Rechenleistung planbar auszubauen. Gleichzeitig schiebt der Schritt die Vergleichsmaßstäbe in der Branche nach oben: Wer künftig keine glaubwürdige Energie- und Standortstrategie hat, wirkt im Enterprise-Geschäft schnell wie ein Risiko. Implizit entsteht ein neues Spielfeld, in dem sich die großen Cloud-Anbieter nicht nur über Chips und Modelle, sondern über Energiezugang und Projektpipeline differenzieren. Damit verschiebt sich die Diskussion weg von reiner Modellleistung hin zur Frage, wer die physische KI-Realität überhaupt liefern kann.
Indien als KI-Player: Milliarden, Governance-Anspruch – und die Realität der Umsetzung
Auf dem AI Impact Summit positioniert sich Indien als möglicher globaler KI-Knotenpunkt – unterlegt mit Investitionszusagen von Big Tech von über 67–68 Mrd. USD bis 2030 für KI- und Cloud-Infrastruktur. Parallel verdichtet sich der Infrastrukturplan: Datenzentren sollen von rund 960 MW heute auf etwa 9,2 GW bis 2030 wachsen, während die „IndiaAI Mission“ u. a. ein Compute-Portal mit 38.000 GPUs und über 1.000 TPUs skizziert. Besonderes Signal: OpenAI kooperiert mit Tata/TCS – Start mit 100 MW Rechenzentrumskapazität, skalierbar auf 1 GW. Politisch wird ein „Third Way“ zwischen USA und China betont, inklusive des Anspruchs, dass der Global South bei KI-Regeln und Standards mehr Gewicht bekommt; zugleich warnen Stimmen wie Mistral-CEO Arthur Mensch vor einer Zukunft, in der zu wenige Unternehmen KI kontrollieren. Der Kontrast kommt aus der Praxis: Berichte über organisatorische Pannen, Sicherheitschaos und ein „Roboterhund“-Vorfall (als fremdes Produkt entlarvt) zeigen, wie schnell Glaubwürdigkeit leidet, wenn Inszenierung die Lieferfähigkeit überholt. Auch die kurzfristige Absage einer Bill-Gates-Keynote verstärkte den Fokus auf Imagefragen statt Substanz. Am Ende bleibt die Kernfrage: Wird Indien zum kosteneffizienten KI-Hub mit breiter, sprach- und anwendungsnaher Demokratisierung – oder entstehen neue Abhängigkeiten bei Hardware, Expertise und Plattformen?
Quick News 1: OpenAI zieht Agenten-Know-how ins Codex-Team – OpenClaw bleibt als Foundation
OpenAI holt Peter Steinberger, den Gründer von OpenClaw, ins Codex-Team und stärkt damit das strategische Feld „persönliche KI-Agenten“. OpenClaw hatte bis Anfang Februar rund 1,5 Mio. Agenten erzeugt und war stark „lokal-freundlich“, inklusive App-Anbindungen wie WhatsApp, Slack und iMessage. Der Code soll als offene Foundation weiterbestehen – die Dynamik zwischen Open-Source-Community und proprietärer Plattformstrategie wird damit noch spannungsreicher.
Quick News 2: ChatGPT testet Werbung – Monetarisierung trifft Vertrauensfrage
OpenAI testet seit 9. Februar 2026 in den USA Werbung für eingeloggte Erwachsene in Free- und Go-Plänen; bezahlte Abos bleiben werbefrei. Anzeigen sind gekennzeichnet und sollen Antworten nicht beeinflussen, sensible Themen (u. a. Gesundheit, Politik) werden ausgespart; Personalisierung bleibt steuerbar. Hintergrund ist die Skalierung: über 800 Mio. wöchentlich aktive Nutzer treffen auf hohe Infrastrukturkosten – Werbung wird zur zweiten großen Erlössäule neben Abos, mit entsprechendem Risiko für Vertrauen und Abwanderung.
Quick News 3: Mistral kauft Koyeb – Infrastruktur wird zur europäischen KI-Strategie
Mistral AI übernimmt Koyeb und baut damit Serverless-Deployment, Inferenz-Skalierung und Sandboxing für „Mistral Compute“ aus. Das Koyeb-Team (inkl. 13 Mitarbeitenden und 3 Gründern) geht ins Engineering unter CTO Timothée Lacroix über. Parallel unterstreichen Investitionen in Rechenzentren (u. a. 40 MW Kapazität) den Anspruch, europäische KI nicht nur als Modell-, sondern als Infrastruktur-Angebot zu denken.
Quick News 4: Anthropic warnt vor Jobverdrängung – und vor KI-zu-KI-Feedback-Loops
Dario Amodei (Anthropic) prognostiziert, dass KI in 1–5 Jahren bis zu 50 % der „entry-level white-collar jobs“ verdrängen könnte. Zusätzlich stellt er in den Raum, dass autonome KI-zu-KI-Weiterentwicklung – Modelle, die Teile ihrer eigenen Trainingspipeline mitsteuern – möglicherweise nur noch 1–2 Jahre entfernt ist. Damit verschiebt sich Governance von „Nutzung regulieren“ hin zu „Entwicklung kontrollierbar halten“.

