Michael Witzenleiter und Jean-Luc Winkler holen in Folge 108 gleich zwei Gäste ins Studio: Damla Hekimoğlu (Tagesschau-Anchorwoman, Reporterin und Moderatorin) und Wolfgang Wichmann (Redakteur in der crossmedialen Planung der tagesschau beim NDR, Mitgründer von Social-Media-Team und Verifikationseinheit). Die Folge ist ein Blick in die Praxis: Wie Desinformation heute entsteht, warum Deepfakes 2026 eine neue Qualität erreicht haben – und welche Werkzeuge Nachrichtenredaktionen dagegenstellen.
Zwei Perspektiven aus der Tagesschau-Praxis: Warum Deepfakes im Alltag explodieren
Damla Hekimoğlu beschreibt weniger ein einzelnes neues KI-Feature als eine Verschiebung, die sich in Redaktionen täglich zeigt: KI ist vollständig im Alltag angekommen – und Deepfakes gewinnen auf Plattformen Reichweite, weil sie emotionalisieren. Gerade in Breaking-News-Situationen werde der Vorteil der Fakes sichtbar, weil Wut, Empörung und Angst algorithmisch oft besser performen als sachliche Einordnung. Das verändert die journalistische Verantwortung: Neben Recherche und Einordnung gehört das Entlarven von Desinformation stärker zum Kernjob, plus mehr Transparenz darüber, wie Nachrichten entstehen. Wolfgang Wichmann ergänzt, wie leicht auch Profis in den ersten Sekunden „andocken“ können, wenn ein Video zur eigenen Haltung passt – sein Beispiel: Material aus dem Ukrainekrieg, das sich „wahr anfühlt“, bevor die professionelle Distanz greift. Aus dieser Dynamik entsteht in Workshops eine zentrale Regel: erst innehalten, dann prüfen, statt den „flinken Finger“ entscheiden zu lassen. Als ikonische Beispiele, die hängen bleiben, fallen in der Folge der „Papst in der weißen Daunenjacke“ und frühe Deepfake-Formate wie das Obama-Video (Buzzfeed). Besonders heikel sind Fälle, in denen Deepfakes für Video-Calls genutzt wurden – etwa die erwähnten Pranks, bei denen sogar Politikerinnen und Politiker glaubten, mit bekannten Personen zu sprechen. Die Quintessenz dieses Blocks: Die reine Bildprüfung reicht immer seltener; Kontext, Quelle und Verbreitungslogik werden entscheidender.
KI im Journalismus: zwischen KI-Führerschein, Redaktionsethik und Verifikations-Tooling
Beim Thema KI-Nutzung in Redaktionen zeichnet Damla eine Entwicklung nach: von der Innovationsstory über Jobverlust- und Kontrollverlust-Debatten hin zur gesellschaftspolitischen Dauerfrage rund um Regulierung, Urheberrecht, Kreativität und Authentizität. Wolfgang ergänzt zwei weitere Frames, die häufiger mitschwingen: Klimaschutz (Energie- und Wasserbedarf von Rechenzentren) sowie wirtschaftliche Interessen. Praktisch wird KI im NDR-Kontext durch Strukturen eingeführt: ein verpflichtender „KI-Führerschein“ als Online-Schulung für Mitarbeitende sowie eine interne Plattform („AI for NDR“), auf der Funktionen wie Zusammenfassen, Transkription, Textvorschläge oder Bildgenerierung in einem datenschutzkonformen Rahmen bereitstehen. Gleichzeitig bleibt eine rote Linie stehen: redaktionelle Entscheidungen werden nicht automatisiert; die Tagesschau-Texte entstehen weiterhin menschengemacht, KI unterstützt allenfalls bei Vorarbeiten wie Übersetzungen oder Strukturierung großer Informationsmengen. Den Kern der Folge liefert Wolfgang mit seinem Verifikationstool „CheckBuddy“, das er per „Vibe Coding“ mit der Plattform Lovable gebaut hat: eine Schritt-für-Schritt-Oberfläche, die gängige Verifikationslogiken bündelt (u. a. KI-Bildanalyse, Screenshots aus Videos, Rückwärtsbildersuche, Geo- und Zeitanalyse) und am Ende einen Bericht erzeugt, der intern weitergereicht oder dokumentiert werden kann. Entscheidend: Es gibt kein automatisches „wahr/falsch“-Urteil – das Tool führt durch den Prozess, die Verantwortung bleibt beim Menschen. Als praktischer Mehrwert wird beschrieben, dass KI im Bild Schriften erkennt und direkt übersetzt, wodurch neue Prüf-Fragen entstehen können, die ohne Tool gar nicht auftauchen würden.
„2026 ist eine Wegscheide“ – warum Sichtprüfung allein nicht mehr reicht
Wolfgang beschreibt 2026 als qualitative Zäsur: 2025 habe geschultes Hinsehen oft noch genügt, inzwischen reichten wenige Varianten-Generierungen, um deutlich realistischere Ergebnisse zu bekommen. Die Folge: visuelle „Tell-tales“ wie Hände, Finger oder Kantenfehler verlieren als alleinige Strategie an Wert. Kontextprüfung, Quellenanalyse und der Abgleich über mehrere Hinweise werden wichtiger als das Pixel-Peeping.
Liar’s Dividend – wenn „Deepfake!“ zur Ausrede wird
Thematisiert wird auch der Effekt, dass Deepfakes Vertrauen so unterhöhlen können, dass selbst echte Inhalte leichter als „fake“ abgetan werden. Verifikation wird damit nicht nur zum Schutz vor Falschmaterial, sondern auch zur Absicherung echter Inhalte – inklusive dokumentierter Prüfungsschritte, die intern nachvollziehbar bleiben.
Medienkompetenz als Infrastruktur – und Transparenz als Vertrauensarbeit
Aus Workshops mit jungen Zielgruppen bleibt ein wiederkehrendes Muster: als „Quelle“ wird oft die Plattform genannt („auf Instagram gesehen“), nicht der Ursprung (Account, Absender, Kontext). Als Gegenmaßnahme nennen die Gäste interne Netzwerke, Austauschformate, Best-Practice-Sharing – und den Ausbau von Transparenzformaten, die zeigen, wie Nachrichten in der Redaktion entstehen, wie Quellenketten geprüft werden und warum erst eine zweite verlässliche Quelle abgewartet wird.
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