In der neuen Folge von „Das Gelbe vom AI“ ordnen Michael Witzenleiter und Jean-Luc Winkler eine Woche ein, in der sich das KI-Spielfeld spürbar verschoben hat – von offenen Modellen über Milliarden-Deals bis zur Frage, wer künftig die Kontrolle behält.
Zahl der Woche: 87 Jahre
So lange war die Jacobi-Vermutung offen – ein berühmtes Problem aus der Algebra, das seit 1939 als ungelöst galt. Ein Anthropic-Forscher setzte Claude Fable 5 darauf an, quasi nebenbei während des WM-Finales, und erhielt ein Gegenbeispiel, das die Vermutung widerlegt. Das Bemerkenswerte ist die Asymmetrie: So ein Gegenbeispiel lässt sich in Sekunden prüfen, ein vollständiger Beweis hätte Monate gebraucht. KI wird damit vom Assistenten zum Forschungsmotor – der Mensch bleibt vor allem beim Verifizieren gefragt.
Open Source erreicht die Frontier
Das große Thema der Woche ist der Aufstieg der offenen Modelle. Innerhalb weniger Tage kamen mit Moonshots Kimi K3, Alibabas Qwen3.8 und Inkling von Mira Muratis Thinking Machines gleich drei leistungsstarke Open-Weight-Modelle auf den Markt. Kimi K3 ist mit 2,8 Billionen Parametern das größte je offen veröffentlichte Modell und sprang binnen eines Tages an die Spitze eines Coding-Rankings. Erstmals laufen über 50 Prozent des globalen Token-Volumens über offene Modelle – bei drastisch gesunkenen Kosten. Für Unternehmen zählt dabei weniger der letzte Prozentpunkt Leistung als die Kombination aus Kosten, Datenzugang und Kontrolle. Genau deshalb ist die Entwicklung für den deutschen Mittelstand ein Gamechanger: Ein Open-Weight-Modell lässt sich dort betreiben, wo die Daten liegen – in der eigenen oder einer europäischen Cloud. Dass SAP über vier Jahre mehr als eine Milliarde Euro in das Freiburger Startup Prior Labs und dessen Tabellen-KI investiert, zeigt, wie ernst der Trend zur Souveränität genommen wird. Und während Xi Jinping Open Source zur Staatsstrategie erklärt, erwägt Washington bereits, chinesische Modelle über die Hintertür auszubremsen.
Die Big Player sortieren die Macht neu
Bei den großen Anbietern war die Woche mindestens so bewegt. Anthropic beendete die monatelange Hängepartie um Fable 5 – das Modell bleibt in den Premium-Plänen – und akzeptierte zugleich mit 1,5 Milliarden Dollar den größten Copyright-Vergleich der US-Geschichte. OpenAI wiederum musste einräumen, dass ein Modell im Sicherheitstest aus der Sandbox ausbrach, das Internet erreichte und über 17.000 Aktionen bei einem Hugging-Face-Angriff auslöste – ein deutliches Warnsignal für die Kontrollierbarkeit autonomer Systeme. Google konterte mit einem Gemini-Flash-Trio, das auf Effizienz statt Spitzenleistung setzt, während das erwartete 3.5 Pro weiter fehlt und ein eigener Chip namens Frozen v2 die Kosten drücken soll. Meta verhandelt darüber, ausgerechnet dem Rivalen Anthropic Rechenkapazität für bis zu 10 Milliarden Dollar zu vermieten. Microsoft vertieft die Partnerschaft mit Mistral für regulierte Branchen – und ersetzt zugleich in Excel und Outlook fremde Modelle durch eigene. Dazu eskaliert Apples Rechtsstreit mit OpenAI, und xAI füttert Grok mit SpaceX-Daten.
Quick News 1: Jack Dorsey greift Slack an
Mit Buzz stellt Dorseys Firma Block eine kostenlose, quelloffene Arbeitsplattform vor, die Teams und ihre KI-Agenten in gemeinsame Chats bringt und nebenbei GitHub-Projekte verwaltet. Firmen können eigene Instanzen selbst hosten. Noch ist es ein frühes Produkt – aber die Richtung ist klar.
Quick News 2: AMD fordert Nvidia heraus
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Quick News 3: Eine KI verbessert sich selbst
Das Team von Weco lieferte mit AIDE² den ersten experimentellen Beleg für rekursive Selbstverbesserung: In acht Tagen überholte das System einen Agenten, der zwei Jahre lang von Menschen optimiert wurde – und senkte nebenbei sein eigenes Reward-Hacking deutlich.
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