Michael Witzenleiter und Jean-Luc Winkler markieren mit Folge #100 nicht nur einen runden Meilenstein, sondern auch einen Perspektivwechsel: Weg vom „Wer hat das beste Modell?“, hin zu „Wer kontrolliert den Agenten-Stack – von Interface bis Governance?“. Seit der ersten Folge am 01.09.2023 ist aus einem Wochenrückblick ein fortlaufendes Marktprotokoll geworden, inklusive Dank an 21 Gäste, das erweiterte Host-Team (MW, JLW sowie Yvonne Teufel, Matthias Conrad, Sebastian Brenner, Chiara Lehmann, Leo Sparrenberg) und die zahlreichen Sponsoren & Partner, die die Taktung möglich gemacht haben.
Die G4 vs. „die anderen Sieben“ – Dominanz, Bias und blinde Flecken
In 100 Folgen verdichtet sich ein klares Muster: Vier Anbieter dominieren die Berichterstattung – Google (26 Erwähnungen), OpenAI (25), Meta (22) und Anthropic (19) kommen zusammen auf deutlich über 60 Prozent aller Big-Player-Nennungen. Diese „G4“ sind Marktrealität im westlichen Enterprise-Kontext, aber gleichzeitig ein redaktioneller Verstärker-Effekt: Wer als Referenzpunkt gesetzt ist, wird in jeder Vergleichslogik erneut zitiert. Besonders auffällig ist Anthropic als steilster Aufsteiger: Vor August 2025 keine einzige Erwähnung, seitdem 19 Mal – ein Tempo, das eher nach strukturellem Shift als nach kurzfristigem Hype aussieht. Parallel kippt die Tonlage bei OpenAI: Von 2025er Dominanz-Erzählungen (große Produktmomente, Plattform-Aura) hin zu „Code Red“ und dokumentierten Enterprise-Wechseln zu Anthropic Anfang 2026. Apple läuft als Sonderfall: lange Nachzügler-Narrativ, ab Folge #90 zunehmend als potenzieller Hardware-Disruptor im Agenten-Zeitalter gelesen – ein Reminder, dass Interface- und Device-Kontrolle oft später zündet als Modellqualität. Und NVIDIA wird vom „Zulieferer in fremden Stories“ zum eigenen Subjekt: 75 Prozent KI-Chip-Marktanteil, erstes Halbleiterunternehmen mit über fünf Billionen Dollar Marktkapitalisierung und ab #97 als Choke-Point der gesamten Industrie benannt. Die strukturell größte Lücke bleibt China: DeepSeek und Alibaba zusammen nur sieben Erwähnungen – weniger als jeder einzelne der G4 – obwohl Open-Weights-Dynamiken und Deployments in Asien damit nicht verschwinden, sondern nur aus dem westlichen Sichtfeld.
Agenten werden Enterprise-Produkt – und Plattformen verschieben die Macht
Die Woche der Folge #100 ist geprägt von einer ungewöhnlich klaren Agenten-Agenda der Plattformanbieter: OpenAI führt Workspace Agents ein – Codex-basierte Agenten, die Team-Workflows über ChatGPT und Tools wie Slack hinweg autonom im Hintergrund ausführen, inklusive zentraler Steuerung über Berechtigungen, Datenzugriffe und Freigaben. Das ist weniger „Prompting“, mehr Prozessautomatisierung – und damit genau die Kategorie, in der klassische SaaS-Tools erstmals spürbar substituierbar werden, zumindest in standardisierten Abläufen wie Reporting, Routine-Kommunikation oder wiederkehrenden Engineering-Schleifen. Parallel setzt OpenAI bei Multimodalität einen Marker: ChatGPT Images 2.0 mit gpt-image-2 landet auf Platz 1 der LM Arena mit Rekordabstand; entscheidend ist nicht nur Bildqualität, sondern „Reasoning im Bild-Workflow“ (planen, prüfen, iterieren) und endlich zuverlässige Textdarstellung für Marketinggrafiken, E-Commerce-Assets oder UI-Mockups. Codex wird außerdem zur universellen Agentenplattform ausgebaut (Computersteuerung, Plugins, Bildgenerierung; über 90 Plugins) und nähert sich dem „Betriebssystem“-Narrativ für Agenten – mit dem typischen Plattform-Risiko, sich zu breit aufzustellen, aber langfristig genau dadurch Integrationsmacht zu gewinnen. Google kontert mit der Gemini Agent Platform plus Workspace Intelligence: Entwicklung, Deployment, Governance und vor allem Datenintegration über E-Mails, Docs und Chats als zentrale KI-Schicht – der Kontextvorteil wird zur eigentlichen Waffe im Enterprise. Anthropic unterstreicht die Kapital- und Infrastrukturrealität: Amazon erhöht auf bis zu 33 Milliarden Dollar Gesamtinvestment, Anthropic plant über 100 Milliarden Dollar Infrastruktur-Ausgaben auf AWS, Trainium rückt als Chip-Strategie in den Mittelpunkt – während gleichzeitig Mythos (Cybersecurity-Modell) Sicherheitsdebatten auslöst, ein Leak über Discord passiert und OpenAI prompt ein eigenes Cyber-Modell ankündigt. Und während manche Player auffallend still sind (Meta/xAI/Apple ohne konkrete Updates), zeigt Adobe, wie die nächste Ebene aussieht: „CX Enterprise“ als agentische Orchestrierungsschicht, über 30 Partner gleichzeitig (u. a. Amazon, Anthropic, Google, IBM, Microsoft, NVIDIA, OpenAI) und AEP als Datenanker mit „über eine Billion Customer Experiences pro Jahr“ – ein Multi-Vendor-Play, das Distribution und Governance priorisiert, nicht den Modell-Wettlauf.
OpenAI – gpt-image-2 setzt Standard bei Multimodalität
Mit ChatGPT Images 2.0 landet gpt-image-2 auf Platz 1 der LM Arena – mit Rekordabstand. Reasoning wird Teil der Bildpipeline (Planung, Recherche, Selbstprüfung), und Textdarstellung funktioniert erstmals zuverlässig genug für Marketing- und UI-Use-Cases. Das verschiebt den Wettbewerb weg von „Text kann jeder“ hin zu End-to-End-Multimodalität.
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